Call der Sektion Gesprächsforschung
Organisation: Maximilian Krug (Universität Duisburg-Essen), Ina Pick (Universität Bielefeld)
Sektionsthema: Order and Beyond: Nicht-Musterhaftigkeit, Abweichung und Einzelfälle in der
Gesprächsforschung
Sektionszeiten: Mittwoch,16.9.2026, 14.45–16.15 Uhr und 17.00–18.30 Uhr
Donnerstag, 17.9.2026, 9.00–10.30 Uhr und 11.15–12.45 Uhr
Seit ihren Anfängen steht die Gesprächsforschung unter dem programmatischen Leitmotiv, dass es in sozialer Interaktion „order at all points“ (Sacks 1984) gibt. Entsprechend wurden Ordnungen in Gesprächen auf unterschiedlichsten Ebenen rekonstruiert: von feinsten sequenziellen (Jefferson 1973; Fetzer & Meierkord 2002), prosodischen (Freese & Maynard 1998; Couper-Kuhlen 2004) und multimodalen Strukturen (Goodwin 2018; Mondada 2020) über wiederkehrende kommunikative Praktiken (Schegloff 1972; Hazel 2015; Deppermann, Feilke & Linke 2016) bis hin zu größeren Handlungsschemata, z.B. Aktivitäten (Krug 2022), Gattungen (Günthner & Christmann 1996; Dix 2021) und institutionellen Formaten (Drew & Heritage 1992; Groß & Harren 2016). Ordnung erscheint dabei nicht als von außen auferlegte Struktur, sondern als lokal, situiert und interaktiv hervorgebracht. Gleichzeitig ist eine ebenso grundlegende Einsicht der Konversationsanalyse, dass jede konkrete Realisierung einer Praxis letztlich einzigartig ist (Garfinkel 1967). Sie wird von spezifischen Teilnehmenden, mit spezifischen semiotischen Ressourcen und zur Bearbeitung eines lokal relevanten Problems hervorgebracht (Sidnell 2013). Teilnehmende begegnen jeder Situation „another first time“, und analytische Kategorien müssen sich an dieser Situiertheit und Indexikalität messen lassen. Die Spannung zwischen Ordnung und Einzigartigkeit, zwischen Musterhaftigkeit und Abweichung ist damit nicht randständig, sondern konstitutiv für die Gesprächsforschung (Schegloff 1997).
Die geplante Sektion setzt genau an dieser Spannung an. Wir möchten Ordnungen beleuchten, dabei aber auch nach Abweichungen von den Ordnungen fragen. Die Rekonstruktion von Mustern, Rekurrenzen und Typenbildung, also Ordnungen aufzuzeigen, sind wichtige wissenschaftliche Methoden, die zu systematischen Beschreibungen dessen führen, was über Einzelfälle hinaus vergleichbar ist. Dazu
kommt, dass nur ein Wissen um Ordnungen Abweichungen und Einzelfälle überhaupt erst als solche erkennbar machen kann. Gleichzeitig tendieren Ordnungen aber auch dazu, alles Abweichende zu vernachlässigen. Wir möchten daher den analytischen Blick systematisch auf jene Phänomene richten, die sich bestehenden Ordnungen entziehen, sie irritieren oder ihre Grenzen sichtbar machen. Was lernen wir aus Daten und über unsere Phänomene, wenn wir den Blick auf Nicht-Musterhaftes, Abweichungen, Einzelfälle, Grenz- und Übergangsfälle sowie analytisch „widerständige“ Daten richten Welche methodischen Entscheidungen sind erforderlich, um Ordnung überhaupt beschreibbar zu machen und wie verfahren wir methodisch mit Abweichungen davon?
Abstracts (max. 300 Wörter, exklusive Literaturangaben) für Vorträge (20 Minuten plus 10 Minuten Dis-
kussion) können in deutscher oder englischer Sprache eingereicht werden. Die Einreichung erfolgt über
ConfTool bis zum 1.5.2026. Die Auswahl der Beiträge wird bis zum 1.6.2026 bekannt gegeben.
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