CfP: "Mehrsprachigkeit in der Gesundheitskommunikation: Heteroglossische Lebenswelten zwischen Beschwerden, Anamnese und Befund"

23-24.10.2026,ZHAW, Winterthur

Einreichung bis zum 31.05.2026

Zehnte interdisziplinäre Fachtagung

Mehrsprachigkeit in der Gesundheitskommunikation:
Heteroglossische Lebenswelten zwischen Beschwerden, Anamnese und Befund

23. & 24. Oktober 2026 in Winterthur (CH) – Call for papers


Alle Informationen finden Sie hier.

Im Rahmen der 10. Internationalen Fachtagung des Netzwerks Gesundheitskommunikation laden wir zur Einreichung von Beiträgen für eine neue thematische Trias mit dem Schwerpunkt Mehrsprachigkeit in der Gesundheitskommunikation ein. Dabei greifen wir erneut die zentralen Eckpunkte der ersten Trias „Beschwerden – Anamnese – Befund“ mit gesprächsanalytischen, interaktiven, dialogischen Aspekten auf und knüpfen zugleich an die thematische Ausrichtung der letzten Tagung an, die sich mit der patient:inne-seitigen medialen Informationsbeschaffung, didaktischer Aufbereitung, Recherche und dem Transfer von Wissen in bestehende Versorgungssysteme befasst hat, um so einen Blick für die damit verbundene Mehr-kulturalität der verschiedenen Herangehensweisen zu sensibilisieren.
Mehrsprachigkeit in gesundheitlichen Kontexten stellt ein ausgesprochen komplexes und vielschichtiges Forschungsfeld dar. Entsprechend sind Beiträge aus diesem breiten Themenbereich aus unterschiedlichen disziplinären und methodischen Perspektiven willkommen. Der thematische Fokus liegt auf Zugängen zu Aspekten der Mehrsprachigkeit sowie deren Herausforderungen und Auswirkungen im beruflichen Alltag auf der Ebene einer individuellen Mehrsprachigkeit bzw. Bilingualismus, einer gesellschaftlichen und / oder institutionellen Mehrsprachigkeit ebenso wie regional gelebter Mehrsprachigkeit (etwa durch internationale Mobilität oder Expat Communities in urbanen Zentren). 
Die Relevanz dieses Themenfeldes zeigt sich exemplarisch in der Schweiz: Unter der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist „die regelmässige Verwendung mehrerer Sprachen überdurchschnittlich stark verbreitet: 41 % der Erstmigrantinnen und -migranten sowie 49 % der zweiten oder dritten Generation benutzen regelmässig mindestens drei Sprachen; dies gilt nur für rund einen Fünftel der Personen ohne Migrationshintergrund (21 %)“. Gleichzeitig umfasst die sprachliche Vielfalt der Schweiz über 70 Nicht-landessprachen (Bundesamt für Statistik, CH).
Vor diesem Hintergrund lässt sich Gesundheitskommunikation als Teil einer heteroglossischen Lebens-welt verstehen. Bereits Michail Bachtin betont, dass jede Äusserung auf unterschiedliche sozial-ideologisch geprägte Diskurse verweist, verschiedene individuelle Stimmen aufgreift und sprachliche Mittel nutzt, die auf weitere geografische, soziale und historische Räume verweisen. In ähnlicher Weise hebt Jan Blommaert hervor, dass das sprachliche Repertoire eines Menschen nicht allein Herkunft widerspiegelt, sondern ein gelebtes Leben in konkreten sozio-kulturellen, historischen und politischen Räumen. 

Konzeptualisierungen wie das „multivocal self“ (u. a. bei Jinsook Choi) oder die Vorstellung von «Mehrstimmigkeit» wie „Stimmen im Chor“ (z.B. bei Rosemarie Tracy 2008) verweisen darauf, dass Spracherfahrungen sowie der Mehrwert bzw. die emergenten Potenziale von Mehrsprachigkeit stärker in den Fokus gerückt werden sollten. Damit verbunden sind stets auch Aspekte von Authentizität, Vulnerabilität, Konzepte von Wissen und Macht – Aspekte, die insbesondere im Kontext medizinischer Kommunikation, Diagnostik und Versorgungspraxis bzw. bei der Entwicklung und Weiterentwicklung technischer Ansätze, z.B. mit APPs zum Dolmetschen, zur Unterstützung bei Beratungen chronisch Kranker mit Avataren und fürs Selfmanagement in gesundheitlich-medizinischen Fragen durchaus eine Rolle spielen können.
Mögliche Themen unter vielen anderen sind: 

  • Anamnesegespräche in unterschiedlichen institutionellen Feldern und fachlichen Ausrichtungen

  • Betreuung, Beratung, Coaching bei chronischen Krankheiten

  • Konkrete Situationen, z.B. Notfall im Spital, Translation (Übersetzungen, Verdolmetschungen), KI, Apps etc.

  • Mehrsprachige Pflegekommunikation, Physio- und Ergotherapiesitzungen bzw. Krankengymnastik

  • Beratungsgespräche durch Hebammen und Geburts- bzw. Wochenbetthelfer

  • Kommunikation mit Dr. Google, App-unterstützte Kommunikation, KI- und Avatare

  • Lebenswelten und Heteroglossie in Gesundheits- und Fachforen, in Informationsbrochüren und im schulischen Umfeld

  • Barrieren auf dem Weg in die gesundheitsliche Versorgung, deren Minimierung und gegebenenfalls auch Überwindung

Wir freuen uns über Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen – etwa Pflegewissenschaft, Physiotherapie, Ergotherapie, Gesundheitswissenschaft, Translationswissenschaft sowie Sprach- und Kommunikationswissenschaft und weiteren einschlägigen Forschungsfeldern –, die diese Zusammenhänge  theoretisch, empirisch oder praxisorientiert beleuchten und Perspektiven auf Mehrsprachigkeit in der Gesundheitskommunikation vertiefen. Ziel ist es, anhand konkreter Daten, Konzepte und methodischer Zugänge den Austausch über disziplinäre Grenzen hinweg zu stärken und Impulse für Forschung und Praxis zu diskutieren.

Abstracts, max. 2500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) sind bis zum 31. Mai 2026 erbeten an folgende Mail-Adresse: gesundheitskommunikation.linguistik@zhaw.ch

Das Organisationsteam 
Ulla Kleinberger, Kristin Bührig und Stephan Schlickau 
 

Literatur: 
Bachtin, M. M. (1979). Das Wort im Roman. In R. Grübel (Hrsg.), Michail Bachtin. Die Ästhetik des Wortes (Edition Suhrkamp Vol. 967, S. 154–300). Suhrkamp.
Blommaert, J. (2008). Language, asylum, and the national order. Urban Language & Literacies, 2–21.
Busch, B. (2021). Mehrsprachigkeit (3. vollständig aktualisierte und erweiterte Aufl.). Facultas.
Choi, J. (2017). Creating a Multivocal Self. Routledge.
Tracy, R. (2008). Wie Kinder Sprache lernen. Und wie wir sie dabei unterstützen können (2. überarbeitete Aufl.). Narr, Francke, Attempto Verlag.